Die Erfahrungskurve: Wie Unternehmen durch Wiederholung ihre Kosten senken können
- Dipl.oec. Traute Kaufmann

- 20. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Im heutigen Umfeld ist es mehr denn je entscheidend, nicht nur innovativ zu sein, sondern auch effizient zu operieren. Eine der wichtigsten Strategien, um die Kostenstruktur zu optimieren, ist die Nutzung der Erfahrungskurve. Doch was genau ist die Erfahrungskurve und wie können Unternehmen sie nutzen, um ihre Wettbewerbsposition zu stärken?
Was ist die Erfahrungskurve?

Die Erfahrungskurve ist ein strategisches Instrument zur proaktiven Steuerung von Kosten, Produktionsmengen und Marktpositionierung. Durch die systematische Integration in den Produktlebenszyklus ermöglicht sie nicht nur Kostensenkungen, sondern auch weitere wettbewerbsentscheidende Vorteile.
Hinter diesem Werkzeug steckt das Phänomen, dass die Wertschöpfungskosten pro Einheit eines Produkts oder einer Dienstleistung mit steigender kumulierter Produktionsmenge sinken. Mit jedem Verdoppeln der kumulierten Produktionsmenge im Produktlebenszyklus entsteht die Möglichkeit der Reduktion der Wertschöpfungskosten pro Einheit zwischen 20% und 30%.
Dieser Effekt ist nicht nur ein theoretisches Konzept, sondern ein praktisches Phänomen, das in vielen Branchen beobachtet werden kann. Je mehr ein Unternehmen von einem Produkt herstellt oder je mehr Dienstleistung erbracht wird, desto besser wird es darin, die Prozesse zu optimieren, Fehler zu vermeiden und Ressourcen effizienter einzusetzen. Die Erfahrungskurve zeigt, dass Wiederholung nicht nur langweilig ist, sondern auch kosteneffizient.
Allerdings handelt es sich dabei nicht um einen automatischen Effekt, vielmehr muss die Erfahrungskurve aktiv generiert werden.
Wie funktioniert die Erfahrungskurve?

Stellen Sie sich vor, Sie stellen Schraubenzieher her. Im ersten Jahr produzieren Sie 1.000 Schraubenzieher mit Wertschöpfungskosten von 10 € pro Stück. Im zweiten Jahr produzieren Sie 2.000 Schraubenzieher. Aufgrund der Fixkostendegression sowie der Erfahrungen, die Sie während der Produktion gesammelt haben, sinken die Wertschöpfungskosten pro Einheit um beispielsweise 25%, also auf 7,50 €. Im dritten Jahr produzieren Sie 4.000 Schraubenzieher und die Wertschöpfungskosten sinken erneut um 25%, nämlich auf 5,63 € pro Stück. Im vierten Jahr produzieren Sie 8.000 Einheiten, und die Wertschöpfungskosten sinken erneut um 25%, und so weiter. Dieser Effekt wird als Erfahrungskurveneffekt bezeichnet und ist ein entscheidender Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens.
Warum ist die Erfahrungskurve so wichtig?
Der Erfahrungskurveneffekt ermöglicht es, entweder die Preise zu senken, um mehr Kunden und somit Marktanteil zu gewinnen, oder aber höhere Margen zu erzielen. Flgende Nutzenfelder sind zuheben:
1. Wettbewerbsvorteil
Unternehmen, die die Erfahrungskurve nutzen, können niedrigere Preise anbieten oder höhere Margen erzielen. Dies ist ein entscheidender Vorteil, besonders in Branchen mit hohen Kostenstrukturen. Aber auch bei der Markteinführung neuer Produkte kann der Effekt vorweggenommen, mit scharfen Preisen agiert und so Markteintrittsbarrieren überwunden und Nachahmer abgehalten werden.
2. Strategische Planung
Die Erfahrungskurve hilft Unternehmen, ihre Produktionsstrategien zu planen. Unternehmen, die planen, ihre Produktionsmenge zu steigern, können die Kostenreduktionen vorhersagen und strategisch entscheiden, wann sie neue Märkte erschließen oder neue Produkte einführen.
Wie können Unternehmen die Erfahrungskurve nutzen?
Die zentralen Nutzenfelder sind:
1. Analyse der Höhe der ungenutzen Kostensenkungspotenziale
Berechnen Sie, wie die Soll-Wertschöpfungskosten eines Produktes oder einer Dienstleistung nach der Erfahrungskurve verlaufen und stellen Sie diesen Werten die tatsächlichen Ist-Kosten gegenüber. Die Differenz zwischen diesen beiden Größen zeigt Ihnen die unrealisierten Kostensenkungspotenziale auf.
2. Prozessstandardisierung & Ressourcenallokation
Standardisieren Sie Produktionsprozesse (bspw. Automatisierung von Montagelinien), um die Lernkurve zu beschleunigen und die Kostensenkung schneller zu erreichen.
Steigern Sie die Produktionsmenge gezielt durch Konzentration auf und Skalierung der Kernprodukte anstatt durch Marketingaktionen. Allerdings muss die Nachfrage noch entsprechende Steigerungsraten aufweisen, damit noch ausreichend Marktanteile abgeschöpft werden können. Auch dürfen keine hohen sprungfixen Kosten entstehen.
Priorisieren Sie Schlüsselmaßnahmen mit hohem Kostensenkungspotenzial (bspw. Prozessoptimierung statt Marketingaktionen).
3. Strategische Kostenprognose, Preisstrategie & Portfoliooptimierung
Nutzen Sie die Erfahrungskurve zur Vorhersage sinkender Wertschöpfungskosten pro Einheit.
Entwickeln Sie Preise, die die erwarteten Kostensenkungen einbeziehen (bspw. niedrigere Preise in der Wachstumsphase, um die Nachfrage zu beschleunigen.
Fokussieren Sie sich auf wenige Kernprodukte, bei denen der Erfahrungskurveneffekt bereits realisiert wurde (Cash Cows), und streichen Sie Produkte mit geringem Kostensenkungspotenzial.
4. Preisstrategie für einen Markteintritt
Nutzen Sie den Erfahrungskurveneffekt für die Planung, Steuerung und Optimierung der strategischen Markteinführung von Neuprodukten.
Durch die Integration des Wissens über die Erfahrungskurve gleich zu Beginn des Produktlebenszyklus‘ können Unternehmen eine strategisch-taktische Preisstrategie fahren, mit der Sie schnell an Marktanteil gewinnen und Mitbewerber vom Markteintritt abhalten können.
Diese Strategie setzt voraus, dass die erwartete Marktnachfrage auch tatsächlich eintritt und der Break-Even-Point wie geplant erreicht wird.
5. Cross-Market Exploitation & kontinuierliches Monitoring
Nutzen Sie die Erfahrungskurve für neue Ländermärkte: Übertragen Sie bewährte Prozesse und Kostensenkungen auf neue Märkte, um schneller zu etablieren (bspw. gleiche Produktionstechnik für die globale Expansion).
Überwachen Sie tatsächliche Kostenentwicklungen im Vergleich zu Vorhersagen und korrigieren Sie Strategien bei Abweichungen – bspw. durch frühzeitige Anpassung der Produktionsmengen.
Erfahrungskurve im Kontext anderer Strategien
Die Erfahrungskurve darf nicht isoliert betrachtet werden, da sie in engem Zusammenhang mit anderen strategischen Konzepten steht, bspw.:
Produktlebenszyklus: Die Kosten entlang der Erfahrungskurve zu realisieren, spielt in der Reifephase eines Marktes eine wichtige Rolle, da dort die Preise aufgrund der Wettbewerbssituation verfallen. Hier gilt es, die Wettbewerbsposition durch Kostenvorteile zu stärken, anstatt sie durch kostenintensive Marketingaktionen zu verschlechtern.
BCG-Matrix: Im Marktwachstums-Marktanteilsportfolio sind es die Cashcows, welche sich in der Reifephase befinden und daher den Verdopplungseffekt bereits öfters durchlaufen haben. Diese sollten daher einen komparativen Kostenvorteil gegenüber den Mitbewerberprodukten aufweisen, welche im Vergleich weniger Marktanteile erzielen konnten.
Sortimentsstraffung: Wenn das im Gesamtkontext sinnvoll ist, könnten Unternehmen, die ihre Produktvielfalt reduzieren, den Erfahrungskurveneffekt mit wenigen Produkten noch stärker nutzen.
Fazit: Die Erfahrungskurve ist ein entscheidender Erfolgsfaktor
Die Erfahrungskurve ist ein fundamentales Konzept, das jedes Unternehmen nutzen sollte, um seine Kostenstruktur zu optimieren. Durch das Verständnis der Erfahrungskurve und die gezielte Nutzung ihrer Potenziale können Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern, ihre Margen erhöhen und langfristig erfolgreich sein.
Denken Sie daran: Die Erfahrungskurve ist nicht nur ein theoretisches Konzept – sie ist ein praktisches Werkzeug, das Ihnen dabei helfen kann, Ihre Kosten zu senken und Ihre Position auf dem Markt zu stärken. Nutzen Sie die Erfahrungskurve, um Ihre nächsten Schritte im Geschäft zu planen.
Die Erfahrungskurve ist ein langfristiges Konzept. Sie erfordert Geduld und strategische Planung, um die vollen Vorteile zu nutzen. Beginnen Sie mit der Analyse Ihrer Produktionsprozesse und überlegen Sie, wie Sie die Erfahrungskurve für Ihre Kernprodukte nutzen können. Sehr gerne stehe ich Ihnen dabei mit meiner Erfahrung zur Seite.
Bildnachweise:
Bild 1: factory-shixugang_pixabay.
Bild 2: Eigendarstellung.



Kommentare