Kostenkrise meistern: Die Erfahrungskurve zur Optimierung der Kostenstruktur in Konzernen und Mittelstand
- Dipl.oec. Traute Kaufmann

- 24. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. Juli
Die Konzerne und der Mittelstand stehen vor enormen Herausforderungen: Zusätzlich zur schwächelnden Konjunktur belasten steigende Energiepreise, hohe Materialkosten und ein anhaltender Fachkräftemangel die Kostenstrukturen. Laut einer DIHK-Wirtschaftsumfrage in 2024 [1] sehen zwei Drittel der Unternehmen Kosten als Bedrohung für ihre Wettbewerbs-fähigkeit. In diesem Blogbeitrag beleuchte ich die aktuelle Kostenstruktur der Unternehmen sowie deren Ansatzpunkte, dieser Herausforderung zu begegnen. Sie erfahren, wie Sie mit Hilfe der Erfahrungskurve Klarheit über die ungenutzten Kostensenkungspotenziale Ihres Unternehmens gewinnen können.
Herausforderungen durch die Kostensituation
Die Kostenstruktur deutscher Unternehmen ist geprägt von hohen Energiepreisen (42 % der Industrieunternehmen nennen dies als Hauptbelastung), Materialkosten (46 % Anteil seit 2006) und Lohnkosten (Durchschnitt 43,40 € pro Arbeitsstunde, davon 42 % Lohnnebenkosten in Deutschland 2024). Hinzu kommen regulatorische Anforderungen wie die EU-Nachhaltigkeitsrichtlinie (CSRD) und der Fachkräftemangel, der 55–58 % der Unternehmen betrifft {2]. Diese Faktoren zwingen Unternehmen, ihre Kostenstrukturen effizienter zu gestalten. Um in der Kostenkrise wettbewerbsfähig zu bleiben, setzen Unternehmen auf verschiedene Maßnahmen: Manuelle Prozesse in der Supply-Chain werden mit Hilfe von KI und Automatisierung ersetzt und sollen Personalkosten einsparen. Die hohen Energiekosten sollen durch energieeffiziente Technologien reduziert werden. Den Lohnkosten setzt man flexible Arbeitszeitmodelle zur Stabilisierung entgegen.
Zwar sind die genannten Maßnahmen wichtige Ansätze zur Kostenoptimierung in der aktuellen Kostensituation der Unternehmen und adressieren wichtige Kostenbereiche wie Energie oder Personal. Dennoch reichen sie nicht aus, um die Kostenstruktur nachhaltig und strategisch zu optimieren, weil nicht die gesamten Kosten der Wertschöpfungskette (bspw. Produktionsprozesse, Materialeinsatz) einbezogen werden. Auch fehlt die vergleichende Analyse der Kostenposition von Mitbewerbern und Lieferanten, was jedoch für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit entscheidend sein kann.
Ein Unternehmen kann auf Automatisierung in der Supply-Chain, energieeffiziente Maschinen und flexible Arbeitsmodelle setzen um Kosten zu senken. Dennoch bleibt unklar, wie groß das Einsparpotenzial insgesamt ist. Durch die Berechnung der Erfahrungskurve kann es feststellen, wieviel Kosten es über die gesamte Wertschöpfung durch Knowhowzuwachs und Skaleneffekte senken könnte. Ohne diese Analyse bleiben die Kostenoptimierungspotenziale intransparent und daraus entstehende Wettbewerbsnachteile gegenwärtig.
Analyse der Erfahrungskurve: Der Schlüssel zur nachhaltigen Kostenreduktion

Die Erfahrungskurve bietet eine ganzheitliche Perspektive, die alle wertschöpfenden Prozesse abdeckt. Sie ermöglicht es, Kostensenkungspotenziale in der gesamten Organisation zu identifizieren, einschließlich Bereiche, die durch Automatisierung, Energieeffizienz oder flexible Arbeitsmodelle nicht direkt adressiert werden (bspw. Optimierung von Produktionsprozessen oder Materialeinsatz). Daher gehört zu einem professionellen, ganzheitlichen und deshalb nachhaltigen Kostenmanagement zuallererst die Bestimmung der aktuellen strategischen Kostensituation des Unternehmens. Hier setzt die Erfahrungskurve an: Mit ihr lässt sich berechnen, wie viel Kostensenkungspotenzial ein Unternehmen in seinen einzelnen Produkt- oder Dienstleistungssegmenten hat. Dieses Instrument gibt die Antwort auf die Frage, wie viel ungesunder Fettanteil in der Organisation vorhanden ist. Die Erfahrungskurve ist die Basis für die Ableitung realistischer, langanhaltender Kostensenkungs- bzw. Effizienzsteigerungspotenziale. Darüber hinaus ist das Wissen über die eigene Erfahrungskurve, aber auch über die Erfahrungskurve der Lieferanten sowie die Erfahrungskurve der Mitbewerber eine wertvolle Grundlage für wirksame strategische Entscheidungen. Der Einsatz der Erfahrungskurve als analytisches Instrument der strategischen Kostensituation bietet folgenden Nutzen:
Bestimmung der Ausgangslage (Kostenposition) Die Erfahrungskurve ermöglicht es, die aktuelle Kostenposition Ihres Unternehmens für spezifische Produkte oder Dienstleistungen präzise zu bestimmen. Dies ist die Grundlage für alle weiteren Analysen und Entscheidungen, da sie Klarheit darüber schafft, wo das Unternehmen in Bezug auf Kosten und Effizienz steht.
Identifikation von Kostensenkungspotenzialen Die Erfahrungskurve gibt Antwort auf die Frage: „Wie viel ungesunder Fettanteil ist in der Organisation vorhanden?“ Ihre Berechnung deckt das Potenzial für Kostensenkungen, welches durch ineffiziente Prozesse oder überhöhte Kosten besteht, auf. Typischerweise beziffert sich dieses auf 20–30 % pro Verdopplung der Produktionsmenge im gesamten Produkt- und/oder Dienstleistungslebenszyklus.
Grundlage für eine realistische Zielsetzung Die Erfahrungskurve dient als Basis für die Ableitung realistischer, dauerhafter Kostensenkungs- und Effizienzsteigerungsziele. Ohne eine anfängliche Berechnung fehlt die Datenbasis, um machbare Ziele zu definieren, was zu unrealistischen oder ineffektiven Strategien führen kann.
Vermeidung falscher Annahmen Der Erfahrungskurveneffekt stellt sich nicht automatisch ein. Eine Berechnung hilft zu verstehen, welche Faktoren (bspw. Lernprozesse, Skaleneffekte) den Effekt fördern und welche Faktoren (bspw. ineffiziente Prozesse) ihn zerstören können. Ohne diese Analyse unterliegen Führungskräfte der Gefahr, dass falsche Annahmen über die Kostenentwicklung des Unternehmens getroffen werden.
Strategische Entscheidungen vorbereiten Die Erfahrungskurve liefert wertvolle Informationen über die eigene Kostenposition, die von Lieferanten (Lopez-Effekt) und Mitbewerbern (Branchendiagnose). Diese Daten sind wesentlich für strategische Entscheidungen wie Preisverhandlungen, Make-or-Buy-Entscheidungen oder die Entwicklung von Preisstrategien für den Markteintritt. Die Berechnung der Erfahrungskurve liefert die Grundlage dafür.
Relevanz über den Produktlebenszyklus Der Erfahrungskurveneffekt betrifft den gesamten Produktlebenszyklus. Eine frühe Berechnung ermöglicht es, die Kostenentwicklung über die vorhandene Zeit hinweg frühzeitig zu planen und gezielte Maßnahmen zu ergreifen, um langfristige Wettbewerbsvorteile zu sichern.
Vermeidung von Wettbewerbsnachteilen Die Berechnung der Erfahrungskurve schützt vor dem Risiko, dass Mitbewerber durch höhere Erfahrung (größere Produktionsmengen) eine bessere Kostenposition erreichen. Unternehmen können so gezielt Maßnahmen ergreifen, um ihre eigene Position zu stärken.
Grundlage für Preis- und Markteintrittsstrategien Die Erfahrungskurve bildet die Basis für intelligente Preisstrategien für den Markteintritt. Bleibt die Berechnung der zukünftig erwarteten Erfahrungskurve aus, könnten Unternehmen Preise festlegen, die entweder nicht wettbewerbsfähig sind oder Margen unnötig schmälern. Die zukünftige Analyse sichert eine optimale Ausgangsposition für alle möglichen Preisentwicklungen.
Fazit
Die Kostensituation für Unternehmen erfordert ein professionelles, ganzheitliches, strategisches Kostenmanagement. Die Analyse der Erfahrungskurve, wie sie in meinem Praxisbuch Strategiewerkzeuge aus der Praxis - Analyse der strategischen Ausgangslage anhand eines Praxisbeispiels detailliert beschrieben ist, bietet eine fundierte Methode, um die Kostenposition systematisch zu analysieren, Kostenpotenziale zu identifizieren, strategische Entscheidungen zu treffen und realistische Ziele abzuleiten. Ihre Anwendung sichert Wettbewerbsvorteile und hilft dabei, nachhaltige Kostensenkungen über den gesamten Produktlebenszyklus zu erreichen.
Das hier erhältliche, sofort einsatzbereite Exceltool hilft Ihnen dabei, die Erfahrungskurve effektiv und effizient zu berechnen und darzustellen. Mit dieser Anwendung erhalten Sie Aufschluss über die in Ihrem Unternehmen vorhandenen, noch ungenutzen Kostensenkungspotenziale. Durch die Kombination mit den Maßnahmen der Digitalisierung kann die Wettbewerbsfähigkeit Ihres Unternehmens entscheidend gestärkt und gesteigert werden.
[1] DIHK (2024): Deutsche Wirtschaft verliert den Anschluss. Abgerufen von https://www.dihk.de/resource/blob/123312/d6fd9a406d4de6d478388e633b5ad9ea/konjunktur-dihk-konjunkturumfrage-herbst-2024-data.pdf.
[2] Statista.



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